Trügerische Erinnerungen

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In den 1990er-Jahren sass Henri Poulard über drei Jahre unschuldig in einem Gefängnis. Er war für einen Überfall auf eine Bijouterie in Genf verurteilt worden, den in Wahrheit eine Diebesbande begangen hatte. Stets hatte er die Tat bestritten, doch die Angestellten der Bijouterie hatten ihn bei der zweiten Gegenüberstellung als Täter identifiziert. Anfangs hatten sie noch gezögert. Was war passiert?

 

Erinnern heisst rekonstruieren
Möglicherweise hat sich die Erinnerung zwischen der ersten und der zweiten Gegenüberstellung verändert. Jede Erinnerung wird beim Vorgang des Erinnerns nämlich neu zusammengestellt und aus den vielen Einzelnetzwerken, in denen unterschiedliche Informationen eines Ereignisses abgespeichert sind, rekonstruiert. Doch nicht immer arbeitet unser Gedächtnis dabei zuverlässig. So gelang es Julia Shaw, 60 Freiwilligen falsche Erinnerungen einzupflanzen.


Für eine Studie führte die deutsch-kanadische Rechtspsychologin drei Gespräche mit den Probanden. Im ersten gewann sie das Vertrauen der Teilnehmenden und sprach mit ihnen über tatsächlich Geschehenes. In einer zweiten Phase begann sie, von einer erfundenen Straftat in der Jugend zu erzählen. Sie ermutigte die Probanden, sich mit möglichst vielen Details daran zu erinnern, was genau abgelaufen sein könnte. Sie hätten die Erinnerung vermutlich verdrängt. In der dritten Sitzung erzählte über die Hälfte der Studienteilnehmenden schliesslich von den falschen Erinnerungen genauso viel Details wie von den echten. Sie glaubten tatsächlich, sie hätten im Alter von 14 Jahren eine Straftat begangen und Ärger mit der Polizei gehabt. Doch die Vorwürfe waren frei erfunden. Wie konnte die Psychologin die Probanden derart in die Irre führen?


Zu einem grossen Teil hat es mit unserer Fantasie zu tun: Wenn wir uns mehrfach etwas vorstellen und diese Vorstellung mit möglichst vielen Details anreichern, dann meinen wir mit der Zeit, dass wir es tatsächlich erlebt haben. «Echte und falsche Erinnerungen fühlen sich nämlich gleich an», erklärt Shaw.


Wahr oder falsch?
Verschiedene Mechanismen können unsere Erinnerungen verändern. Manchmal glauben wir, eine Situation erlebt zu haben. Dabei stützen sich unsere vermeintlichen Erinnerungen auf Erzählungen anderer. Wir verwechseln also die Quelle: Nicht wir, sondern jemand anderes hat diese Situation erlebt. Es kann auch vorkommen, dass wir verschiedene Ereignisse, Personen und Orte miteinander vermischen und so eine Erinnerung konstruieren, die gar nie stattgefunden hat. Dann spricht man von einer Konfabulation. Oder der sogenannte Waffenfokuseffekt tritt ein: Wenn wir aufgeregt sind, fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit, zum Beispiel auf eine bedrohliche Waffe. An die Umstände, die weniger in unserem Fokus standen (z.B. die Kleidung des Täters), können wir uns danach kaum erinnern. Auch die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus hat intensiv zu falschen Erinnerungen geforscht. «Das Gedächtnis ist suggestiv, subjektiv und formbar», sagt sie. Erinnerungen neu zu schaffen, gelänge dann besonders gut, wenn sie sich plausibel in die Lebensgeschichte einfügen lassen. Denn gewisse Lücken in den persönlichen Erinnerungen hat jeder Mensch – und das Gehirn will diese mit glaubhaften Inhalten füllen.


Teil unserer Persönlichkeit
Erinnern ist ein aktiver und sozialer Prozess. Unser Gedächtnis ist sehr flexibel; es kann quasi beliebig neue Verknüpfungen herstellen. Obwohl Erinnerungen nicht immer zuverlässig sind, sind sie immens wichtig für unser Leben. Sie sind «Grundpfeiler unserer Identität, formen unser Ich, unsere Kultur», weiss Julia Shaw. Und dazu gehören sowohl positive wie auch negative Erinnerungen. Sie prägen uns und machen uns zu dem, was wir sind.


So funktioniert Erinnern

Über die Sinnesorgane werden Informationen auf das Gehirn übertragen und im sensorischen Gedächtnis für Millisekunden bis zu wenigen Sekunden zwischengespeichert. Von dort gelangen die Impulse zum Kurzzeitgedächtnis (auch Arbeitsgedächtnis genannt). Dieses ist eine Art Datenspeicher mit geringer Kapazität. Es ermöglicht uns beispielsweise zu verstehen, was wir gerade lesen. Das Arbeitsgedächtnis wird ununterbrochen mit neuen Daten «gefüttert» und muss deswegen regelmässig «geleert» werden. Einige der im Kurzzeitgedächtnis gespeicherten Informationen gelangen ins Langzeitgedächtnis und werden dauerhaft überspeichert.


Kesselring

Prof. Dr. med. Jürg Kesselring
Vorstandsmitglied Schweizerische Hirnliga und ehemaliger Chefarzt der Klinik für Neurologie, Valens

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