Anker für den Alltag: Unsere Tagesstätte

Leiterin der Tagesstätte Micheline Pittet im Interview

Micheline Pittet, die Band-Genossenschaft hat eine lange Geschichte, die Tagesstätte aber erst eine kurze. Wie ist es dazu gekommen?

Wir haben gemerkt, dass es Bedarf für etwas gibt, was wir so bisher nicht gekannt haben. Manchmal ist ein geschützter Arbeitsplatz nicht die beste Möglichkeit, weil schlicht die Gesundheit nicht mitmacht. Trotzdem haben diese Menschen ernst zu nehmende Bedürfnisse, etwa gemeinschaftlich etwas erleben und Sinnvolles leisten. Aber eben ohne den Druck, der für manche selbst an einem geschützten Arbeitsplatz spürbar sein kann.

Von wo kommen die Menschen, die bei Ihnen in der Tagesstätte einen Platz haben?

Bisher kommt ein Grossteil aus unserem Unternehmen selber. Also Menschen, die an einem unserer geschützten Arbeitsplätze nicht mehr gut aufgehoben waren. Vor allem dann, wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert hat. Gleichzeitig haben wir vermehrt ehemalige Angestellte, die das Pensionsalter erreicht haben und darüber hinaus eine Tagesstruktur suchen. In Zukunft möchten wir uns aber stärker öffnen für Menschen von ausserhalb. Bereits heute vermitteln uns zum Beispiel externe Sozialdienste und Ärzte einzelne betreute Personen, das möchten wir weiter ausbauen.

Spüren Sie denn ein echtes Interesse für Ihr Angebot?

Auf jeden Fall. Es ist auch so, dass wir in verschiedene Richtungen ein Brückenangebot machen. Nicht nur für Menschen, die nicht mehr an einem geschützten Arbeitsplatz tätig sein können. Auch umgekehrt als sanfter Einstieg in ein arbeitsorientiertes Umfeld. Das heisst, wir können Menschen aufnehmen, die zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht an den anspruchsvolleren geschützten Arbeitsplatz wechseln können.

Wie muss man sich die Tagesstruktur vorstellen, die Sie mit der Tagesstätte anbieten?

Wir bieten eine Struktur, die sich ein Stück weit an die Arbeitswelt anlehnt. Das heisst, es wird durchaus etwas Produktives geleistet, aber eben ohne Leistungs- und Termindruck. Nur in seltenen Fällen führen wir jedoch Aufträge von echten Kunden aus, wie hin und wieder das Etikettieren von Postsäcken. Im Wesentlichen machen wir kleinere handwerkliche Arbeiten für Band selber: Dekorationen für Kantine und Sitzungsräume oder Geburtstagskärtchen für die Mitarbeitenden gestalten. Mindestens so wichtig ist jedoch der soziale Aspekt. Die Menschen sollen die Möglichkeit haben, gemeinschaftlich an etwas teilzuhaben. Dafür suchen wir ganz individuelle Lösungen. Es gibt zum Beispiel keine festen Zeiten, wo die betreuten Personen bei uns sein müssen. Man kann bei uns für ein paar Stunden, einen Tag oder von Montag bis Freitag am Stück vorbeischauen. Diese Bandbreite wird auch genutzt.

Was für Erfahrungen haben Sie in den ersten vier Jahren der Tagesstätte gemacht?

In den meisten Fällen sehr gute. Eine Entlastung ist oft deutlich anzumerken, wenn jemand von einem festen Arbeitsplatz zu uns kommt. Das kann dazu führen, dass die Menschen regelrecht aufblühen. Wir haben jemanden, der bei uns seine Sprache wiedergefunden hat, nachdem er am Arbeitsplatz nicht mehr gesprochen hat. Oder jemanden, der seine künstlerische Ader zu Grösserem entfaltet hat.

Trotzdem dürfte es anspruchsvoll sein, für Menschen unterschiedlichster Art eine Tagesstruktur zu bieten.

Das ist sicher so. Man muss sehen, dass die Menschen oft schon viel durchgemacht haben, wenn sie zu uns kommen. Viele haben eine geistige Beeinträchtigung, vermehrt nutzen auch psychisch Erkrankte das Angebot. Da kann es immer sein, dass es nicht funktioniert, etwa weil jemand sich nicht wohlfühlt, die Gruppenatmosphäre nicht die richtige ist. In diesen Fällen muss man offen sein, wieder eine andere Lösung zu suchen.

Wo könnte es in Zukunft mit der Tagesstätte hingehen?

Wir haben in den ersten vier Jahren sicher eine gute Basis geschaffen. In Zukunft geht es darum, dass wir uns auch für Interessierende ausserhalb von Band öffnen. Wir bieten im Moment 20 feste Plätze, aktuell sind diese mit 14 betreuten Personen belegt. Eine Öffnung bedeutet aber auch, dass wir am Angebot selber arbeiten. Bisher liegt der Fokus auf handwerklichem Arbeiten, was gut zu Band und ihren geschützten Arbeitsplätzen passt. Wenn aber die Herkunft unserer Tagesstätten-Besucher vielfältiger wird, wollen wir eine grössere Bandbreite bieten. Da ist von aktivierenden Angeboten von Kochen bis zu Kulturellem wie Theaterspielen vieles möglich.

 

Micheline Pittet, Leiterin Tagesstätte

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Impressionen aus unserer Tagesstätte:

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