Psychische Erkrankungen

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Das Arbeitsleben wandelt sich, vieles wird schneller und flexibler. Gleichzeitig steigen die Krankschreibungen wegen psychischer Leiden. Was steckt dahinter? Im Interview mit Dr. phil. Niklas Baer, Leiter der Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland, sprechen wir über die Hintergründe der psychischen Erkrankungen.

Niklas Baer, stimmt der Eindruck, dass psychische Leiden heute stärker verbreitet sind als in früheren Zeiten?

Die Frage ist komplex. Davon auszugehen, dass heute mehr Menschen an psychischen Krankheiten leiden, ist jedenfalls nicht richtig. In den grossen epidemiologischen Studien, die bis zum Zweiten Weltkrieg zurückgehen, findet man keine Hinweise darauf. Arbeitnehmerbefragungen zeigen ausserdem kaum Veränderung, was den wahrgenommenen Druck bei der Arbeit anbelangt.

Egal, ob Sie Zahlen von 1990 oder 2010 nehmen,
von hohem Arbeitsdruck berichten jeweils um die 57 Prozent der Befragten. Das kann man zwar viel finden, aber es werden eben nicht mehr.

Trotzdem steigt der Anteil der Berufstätigen, die aus psychischen Gründen krankgeschrieben werden?

Ja, das ist so. Eine Analyse eines grossen Schweizer Krankenversicherers hat letztes Jahr ergeben, dass Krankschreibungen wegen psychischer Leiden mit 35 Prozent am stärksten zunehmen. Das ist eine Entwicklung, die sich auch international beobachten
lässt. Und sie scheint auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu den erwähnten anderen Zahlen.

Wie erklären Sie sich das?

Mehr Krankschreibungen und häufigere IV-Renten, dahinter steckt aus meiner Sicht eine andere Erklärung. Es hat sich vor allem verändert, wie die Menschen die psychiatrische Unterstützung in Anspruch nehmen. Konkret werden es laufend mehr,
die das tun. Das wiederum hat den Hintergrund einer veränderten Wahrnehmung, was psychische Krankheiten anbelangt. Sie sind heute öfter Thema, gerade in den Medien. Ein Stück weit haben sie den Status als Tabuthema verloren, dadurch getrauen
sich heute mehr Menschen, sich gegenüber Fachpersonen zu öffnen.

Wer oder was ist denn nun konkret dafür verantwortlich, dass etwa die Krankschreibungen zunehmen?

Auch das lässt sich nicht einfach beantworten.
Einen einfachen Schuldigen scheint es jedenfalls nicht zu geben. Meinungen und Theorien gibt es ja viele. Die Menschen seien heute etwa weicher, würden am Arbeitsplatz weniger aushalten. Diese Einschätzung
teile ich nicht.

Die Leute gehen ja in aller Regel nicht grundlos zum Psychiater.

Es ist vielmehr ein Fortschritt, wenn sich heute mehr Menschen helfen lassen. Der Bedarf wäre sogar noch höher; längst nicht alle Menschen, welche die Kriterien für eine psychische Erkrankung erfüllen, suchen einen Arzt auf. Aber die Entwicklung hat auch eine Kehrseite: nämlich dann, wenn es zu mehr Krankschreibungen kommt.

Ist es nicht auch eine normale Entwicklung, dass es in der Folge zu mehr Diagnosen und Krankschreibungen kommt?

Sicher, es geht aber häufig zu schnell, ohne dass die weiteren Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Hier stehen sicher die Ärzte in der Pflicht. Nicht nur, dass die Unterbrechung von der Arbeitstätigkeit oft zu schnell kommt, in viele Fällen dauert sie auch zu
lange: Im schweizer Durchschnitt fast ein halbes Jahr. Dass es danach vielen schwer fällt, wieder einzusteigen, versteht sich von selbst.

Das ist aber noch keine Erklärung dafür, weshalb Absenzen gerade aus psychischen Gründen zunehmen.

Es gibt da mehrere Ebenen. Zum einen haben wir in den letzten Jahren eine starke Professionalisierung in der Behandlung psychischer Erkrankungen erlebt. Von allen Ländern der OECD hat die Schweiz hier die grösste Versorgungsdichte. Und wenn von etwas mehr vorhanden ist, wird es ein Stück weit eben auch mehr genutzt, das gilt für medizinische Leistungen wie für andere Bereiche des Lebens.

Zum anderen hat sich die Art und Weise verändert, wie wir mit psychischen Störungen grundsätzlich umgehen.

Es ist heute nicht mehr in allen Fällen ein Stigma, wenn man zugibt, psychisch erkrankt zu sein. Deshalb sind die Diagnosen zum Teil auch ehrlicher. Früher hat man vielleicht ein körperliches Leiden vorgeschoben, wenn es zu einer Krankschreibung gekommen ist. Heute kommen die Arbeitsunfähigkeitszeugnisse öfter auch
vom Psychiater.

Dass die veränderte Arbeitswelt mit einer Zunahme an psychischen Erkrankungen in Verbindung steht, glauben Sie nicht?

Das legen die Zahlen jedenfalls nicht nahe, nein. Das Bild der bösen Arbeitswelt, die die Menschen kaputt macht, ist überholt. Schauen Sie, wenn etwas die Menschen krank macht, dann ist es eher das Fehlen von Arbeit. Arbeitslosigkeit ist ein starker Indikator für psychische Erkrankungen. Damit will ich nicht sagen, dass in der Wirtschaft alles perfekt läuft. Es ist eine Tatsache, dass wir anders arbeiten, flexibler und dezentraler. Mit diesen veränderten Bedingungen kommen erwartungsgemäss nicht alle gleich gut zurecht. Die Anpassung ist aber wie bei vielem eine Frage der Zeit.

Sie sehen moderne Arbeitsformen vielmehr als Gewinn?

In vielen Fällen, ja. Dass sie die Arbeitszeiten selber einteilen können und auch einmal von zu Hause arbeiten, das ist ja gerade, was viele Arbeitnehmer wollen. Vieles hat sich zum Guten entwickelt. Ich bin jedenfalls froh, heute im Arbeitsmarkt zu stehen, und
nicht etwa vor 100 Jahren. Damals war der Samstag kein freier Tag, Arbeitszeiten von zehn Stunden und mehr waren die Regel.

Trotzdem macht die Arbeit vielen Menschen psychische Probleme. Welches sind denn die häufigsten Erkrankungen?

Wenn wir von arbeitsbezogenen Erkrankungen sprechen, sind das Persönlichkeitsstörungen. Darunter fallen rund zehn Formen. Etwa die emotionale Instabilität, die sich in einer Borderline-Störung ausdrücken kann. Besonders verbreitet sind auch ängstlich- vermeidende Störungen. Betroffene Menschen meiden angstmachende Situationen, trauen sich folglich immer weniger zu, ein regelrechter Teufelskreis. Gerade für diese Betroffenen ist es besonders fatal, wenn sie für einen längeren Zeitraum aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Je länger es dauert, desto mehr verstärkt sich ihre Angst. Auch in diesen Fällen ist es aber oft nicht die Arbeit allein, die krank macht, sondern es spielen noch andere Faktoren eine Rolle.

Welches sind die anderen Faktoren?

In der Regel haben wir es mit einem engen Geflecht aus persönlichen, sozialen und biologischen Faktoren zu tun. Gerade die Persönlichkeit ist ein wesentliches Element, also die Art, wie wir handeln, die Welt wahrnehmen und Ursachen zuschreiben. Die Arbeit kann eine Prädisposition für eine Erkrankung begünstigen oder abschwächen, aber kaum allein auslösen. Oft beginnt es viel früher, wenn jemand psychisch krank wird. In 75 Prozent aller Fälle passiert das vor dem 25. Lebensjahr.

Wenn auch nicht generell, aber gibt es einzelne
Krankheitsbilder, die über die Zeit zunehmen?

Die einzige psychische Erkrankung, von der wir das mit Fug und Recht sagen können, ist die Demenz. Das ist allein der Tatsache geschuldet, dass wir Menschen älter werden und damit mehr in den Radius der Krankheit geraten. Daneben gibt es so etwas wie
diagnostische Gewohnheiten, die sich ändern. Von ADHS im Erwachsenenalter hat vor gut zehn Jahren kaum jemand gesprochen. Auch die Autismusstörungen sind heute mehr im Brennpunkt als früher. Die ärztlichen Diagnosen unterlaufen offenbar gewissen Moden, aber unter dem Strich gibt
es auch hier nicht mehr Erkrankte.

Was schätzen Sie, werden die Arbeitsunfähigkeiten wegen psychischer Erkrankungen weiter zunehmen?

Ich gehe stark davon aus. Das ist eine stetige Entwicklung, und ich sehe momentan schlicht nicht, weshalb sich das in absehbarer Zeit ändern sollte. Das ist der Effekt davon, wie sich der Blick der Gesellschaft
auf psychische Erkrankungen verändert und wie die Professionalisierung des Angebots voranschreitet.

Und sehen Sie das eher positiv oder negativ?

Die Ursache dahinter, also die wachsende Entstigmatisierung und die höhere Akzeptanz psychisch kranker Menschen, ist eindeutig zu begrüssen. Und trotzdem brauchen wir eine andere Haltung dazu.

Wie müsste diese aussehen?

Wir brauchen ein Klima, das fördernder und unterstützender ist.

Es reicht nicht, zu erkennen,
dass jemand krank ist und ihn darum möglichst früh aus der Arbeitssituation auszugliedern.

Vielen psychisch angeschlagenen Menschen kann man etwas zutrauen, etwa indem man sie Teilzeit weiterarbeiten lässt. Das grösste Problem ist leider, dass oft zu spät reagiert wird. Der Patient kommt oft erst zum Arzt, wenn die Situation am Arbeitsplatz bereits eskaliert ist.

Besser wäre es, der Arbeitnehmer würde sich dem Vorgesetzten frühzeitig offenbaren, wenn er Probleme hat. Der Vorgesetzte müsste sich wiederum getrauen, mit dem Arbeitnehmer das Gespräch zu suchen, wenn er Unregelmässigkeiten feststellt. Und genau hier liegt eine der grössten Knacknüsse. In der Gesellschaft als Ganzes sind psychisch Kranke heute akzeptierter, aber
wenn es um das Persönliche geht, um mich als Angestellten oder als Chef, dann sind die Hemmschwellen, sich mitzuteilen, immer noch sehr gross.

 

 Foto Baer

Dr. phil. Niklas Baer
Leiter der Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland.

Er engagiert sich mit seiner Fachstelle in Forschung, Schulung und Beratung – für den Zweck des Arbeitsplatzerhalts und der Reintegration psychisch kranker Menschen. Dafür arbeitet er eng mit Vertretern der Wirtschaft, mit Behörden und anderen Institutionen zusammen.