75 Jahre Jubiläum - Vorgeschichte

Was als Vereinigung von Tuberkulose-Betroffenen begann, ist heute ein vielseitiger Dienstleistungs-, Industrie- und Ausbildungsbetrieb in Bern-Bethlehem. Heute wie früher unterstützt die Band-Genossenschaft Menschen mit gesundheitlicher oder sozialer Beeinträchtigung.

Der Pionier und Gründer Paul Johann Kopp

Die erste Schweizer Patienten-Organisation hiess „Das Band“. Sie entstand 1935 informell als „Selbsthilfeorganisation der Tuberkulosekranken“ in einem Lungensanatorium in Leysin. Anlass war vor allem die Entmündigung der Langzeitpatienten. Unter anderem der Entzug ihrer politischen Rechte und die völlig fehlende Perspektive ihrer Wiedereingliederung. Initiator war der 1907 in Niederönz (BE) geborene Volksschullehrer Paul Johann Kopp. Er war selbst von der Tuberkulose (TB) betroffen und benötigte jahrelange Kuraufenthalte. In den 40er-Jahren initiierte Kopp Werkstätten für entlassene TB-Patienten und zog eine Verkaufsorganisation für deren Produkte auf: Die spätere „Bandgenossenschaft“ wurde geboren! Später half Kopp auch den „Tag der Kranken“ zu etablieren. Kopp wurde 1962 in den bernischen Stadt- und Grossrat gewählt. Im Jahr 1978 ehrte die Medizinische Fakultät der Universität Basel ihn für sein Lebenswerk mit dem Titel eines Doctor honoris causa. Er verstarb im Jahre 1993 in Bern.

 

Das schwere Los der Tuberkulosekranken

Tuberkulosepatient zu sein bedeutete zu Anfang des 20. Jahrhunderts, keine wirksamen Medikamente gegen diese Volksseuche zu haben. Ferner waren die an Tuberkulose Erkrankten Langzeitpatienten, die auf Grund des Fehlens eines Versicherungsobligatoriums als „ausgesteuert“ galten, einer sozialen und gesellschaftlichen Notsituation ausgesetzt. Denn damals existierte keine Invalidenversicherung. In der Regel bedeutete die Erkrankung den Verlust des Arbeitsplatzes und des Einkommens sowie – das zeigt auch Thomas Manns „Zauberberg“ deutlich – grenzenlose Langeweile und Perspektivenlosigkeit. Das Schicksal des sozialen Abstiegs bis zur Armengenössigkeit war häufig.

 
Die bescheidenen Anfänge

Im Jahre 1935 begann sich eine kleine Anzahl von Patientinnen und Patienten auf Anregung von Paul Johann Kopp im waadtländischen Leysin zu organisieren. Den aus der Krankheit entstehenden Widerwärtigkeiten sollte etwas Wirksames entgegengesetzt werden. Arbeitsgruppen wurden gebildet. Sie stellten Handarbeiten aller Art für eine Lotterie her, deren Ertrag für ein Übergangsheim für Tuberkulosekranke verwendet werden sollte. Handwerklich begabte Tuberkuloseerkrankte, die sich körperlich bereits auf dem Weg der Besserung befanden, boten Kranken in Heilstätten Kurse an, um Portmonees und Brieftaschen herzustellen. Diese Produkte verkaufte man zunächst an Verwandte und Bekannte. Bald entstanden durch sogenannte „Genesene“ privat betriebene Verkaufsstellen in ihren Wohnungen. Unter anderem fand die spätere Bandgenossenschaft in Biel auf diese Weise ihren Anfang. Dies ermöglichte Kurenden ein kleines Einkommen und ferner Kurentlassenen eine Beschäftigung als „Reisevertreter“, die von Haus zu Haus Käufer zu finden versuchten. Sprach- und Schreibmaschinenkurse in den Sanatorien, die von Betroffenen geleitet wurden, sollten den „Genesenen“ die Wiedereingliederung ins Erwerbsleben erleichtern. Denn viele von ihnen durften frühere, körperlich anstrengende Berufe der Rückfallgefahr wegen nicht mehr ausüben. Diese Tätigkeiten erfreuten sich grosser Beliebtheit und liessen sich nach und nach in fast allen Sanatorien finden.

 

Die Vereinigung „Das Band“ wird gegründet

Paul Johann Kopp stand 1935 nach Entlassung aus dem Sanatorium vor einer mehrjährigen Rekonvaleszenz. Eine Stelle als Lehrer fand er lange nicht, denn keine Schule hätte einen ehemaligen Tuberkulösen angestellt. Er nutzte die Zeit auf seine Weise und widmete sich der Mittelbeschaffung für ein geplantes und ersehntes Übergangsheim. Die Arbeitsgruppen in den Heilstätten wurden zu Band-Gruppen, und im Mittelland fanden sich Ehemalige zu ebensolchen in zahlreichen Ortschaften zusammen. Im Jahre 1939 fand offiziell die Gründung der Vereinigung „Das Band“ statt. 1940 wurde das Zentralsekretariat in Bern geschaffen. Das Sammeln von Geld durch den Versand von Karten an ausgewählte Adressen wurde intensiviert, was vorerst den Betrieb mehrerer Beratungsstellen und die Weiterführung der Produktion von Patientenarbeiten und deren Vertrieb durch Ehemalige nach bisherigem Muster in Bern, Biel, Basel und Davos erlaubte. In Davos begründete ein kurender Jurist einen kostenlosen Rechtsdienst, der heute noch in Zürich für Kranke und Behinderte aller Art betrieben wird.

 

Die Band-Genossenschaft entsteht

Das von Kopp langjährig geplante Übergangsheim konnte nie verwirklicht werden. Allzu sehr drängte das Bedürfnis der Eingliederung von Genesenen ins Arbeitsleben. Produktion und Vertrieb von Patientenarbeiten, zunehmend mit Schwerpunkt Davos, erreichten einen solchen Umfang, dass man beschloss, diesen Tätigkeitsbereich von der Vereinigung „Das Band“ abzutrennen und rechtlich zu verselbständigen.

Am 19. Januar 1946 fand unter der Tagungsleitung von Oberrichter Emil Schmid und mit Startkapital der Vereinigung „Das Band“ die Gründungsversammlung der Band-Genossenschaft statt. Umgehend wurde sie als subventionsberechtigte Institution nach dem Tuberkulosegesetz anerkannt.

 

 
Die Band-Genossenschaft wird grösser
1979 muss das Wohnheim Brünnen der Autobahnbau weichen und wird abgebrochen. Der weitere Platzbedarf wurde gedeckt durch die Eröffnung des Zweigbetriebes an der Fellerstrasse. Aufgrund des dauernden Platzmangels sowie der Verteilung der Aktivitäten auf die verschiedenen Betriebe begannen sich die Verantwortlichen erste Gedanken über einen neuen Betrieb im Holenacker zu machen.
 
Die neuen Werkstätten im Holenacker mit 230 Arbeitsplätzen für Menschen mit einer Beeinträchtigung werden schliesslich 1987 in Betrieb genommen. Jetzt konnten die Mitarbeitenden aus den Zweigbetrieben wieder in den Hauptbetrieb integriert werden.
 
1990 folgt die Erweiterung an der Riedbachstrasse (Lager). Der Anbau eines unterirdischen Lagers an der Riedbachstrasse zwischen dem Hauptgebäude und den Wohngebäuden Waldmannstrasse wird realisiert.
 
Da sich die Wiedereingliederung aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage 1993 als schwierig erweist, werden erstmals Integrationsprojekte mit Partnerbetrieben aufgebaut. Das erste Projekt war der Reparatur-Service in der Firma Loeb. Die Annahmestelle für chemische Reinigung, Wäscheservice und die Schirmreparatur wurde ausschliesslich von Mitarbeitenden während einer IV-Massnahme oder nach Eingliederung bedient.
 
1995 folgt die Erweiterung des Zweigbetriebs Stauffacherstrasse und Gemeindezentrum Holenacker Dort beteiligt sich die Band-Genossenschaft an einem Montageprojekt mit dem Ziel, längerfristig Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten. In den gemieteten Räumen an der Stauffacherstrasse richtete die Band die nötigen Arbeitsplätze mit modernen Betriebsmitteln ein. Zudem beteiligt sie sich zusammen mit der Pfingstgemeinde und der Stadt Bern am neuen Gemeindezentrum Holenacker, in welchem im Erdgeschoss Gewerbe- und Lagerräume entstehen.
Meilenstein 50 Jahre Jubiläum
Mit Kunden- und Lieferantenanlässen, einer speziellen Generalversammlung und einem Tag der offenen Tür feierte die Band-Genossenschaft 1996 das 50-jährige Bestehen. Am 12. Dezember konnte der Direktor nicht ohne Stolz das Qualitätssicherungs-Zertifikat ISO 9002 entgegennehmen.
 
2004 entstehen neue Schulungsräume für die Ausbildung Informatik, welche im nahen Wohnheim Acherli untergebracht werden können.
 
Das betriebseigene Schwimmbad des Wohnheims Acherli wurde aus wirtschaftlichen Gründen in Büro- und Schulungsräume umgebaut. Dies gab der Band die Möglichkeit, im Sommer 2004 die Ausbildungsabteilung Informatik, welche bis zu diesem Zeitpunkt an der Steigerhubelstrasse 3 eingemietet war, in der Nähe unterzubringen.
 
Aufgrund der zunehmenden Schuldenlast der Invalidenversicherung stimmt das Schweizer Stimmvolk im Juni 2007 der 5. IV Revision zu. Damit verbunden kommen neue Leistungen wie Früherfassung / Frühintervention und neue Integrationsmassnahmen insbesondere für psychisch Behinderte zum Tragen. In diesem Zusammenhang kann die Band-Genossenschaft für die IV Stelle Bern neue Massnahmen wie die Arbeitsmarktlich – Medizinische – Abklärung und die Integrationsmassnahmen aufbauen und ausführen.
 
Im Zusammenhang mit der Erweiterung unseres Abklärungsangebotes und dem Aufbau neuer Dienstleistungen in der Produktion konnte in unmittelbarer Nähe ein Industriegebäude an der Murtenstrasse 350 gekauft werden. Nach einigen notwendigen Anpassungsarbeiten steht der Band ab dem Jahre 2009 gut 4‘000 m2 mehr Lager- und Arbeitsfläche zur Verfügung.
 

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