Voll im Berufsleben - mit der Diagnose «Asperger»

Unter dem Begriff Asperger - Syndrom versteht man eine Autismus - Spektrum - Störung , die sich besonders auf die Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit zur sozialen Interaktion der Betroffenen auswirkt .

Dr . Rainer Kobelt , Facharzt für Kinder - und Jugendmedizin , spricht in unserem Interview über die Auswirkungen der Erkrankung in Bezug auf den Alltag und die Berufswelt .

 

Herr Dr . Kobelt . Sie sind Fachmann für das Asperger - Syndrom . Könnten Sie bitte kurz erklären was das genau ist ?
Die Hauptaufgabe des Gehirns ist es , laufend eingehende Informationen zu analysieren . Dafür sind natürlich sehr viele Abläufe im Gehirn notwendig , die zur Zusammenarbeit all dieser verschiedenen Hirnfunktionen und - regionen beitragen . Je nachdem , welche Funktionen besser oder schlechter ablaufen , kann das verschiedene Folgen haben . Und diese Folgen können sich dann als Asperger - Syndrom auswirken .

Das « eine » Asperger-Syndrom gibt es nicht , heisst es?
Ja genau . Die aktuellsten Diagnosekriterien beschreiben bloss noch Autismus - Spektrum - Störungen in verschiedenen Schweregraden . Das ehemals als « Asperger - Syndrom » definierte Bild entspricht nur der leichtesten Form dieser Definition . Dabei ist es so , dass nicht jede Person mit solchen Merkmalen unbedingt auch ‹ krank › sein muss , weshalb ich es vorziehe , von einer Autismus - Spektrum - Persönlichkeit zu sprechen .

« Setzen Sie Asperger-Betroffene nach ihren Stärken ein. Dann werden Sie begeisterte , zuverlässige Mitarbeitende an ihnen haben . »

Das heisst also , jede betroffene Person hat andere Einschränkungen oder Beeinträchtigungen ?
Personen mit einer Autismus - Spektrum - Persönlichkeit weisen kein Merkmal auf , das man nicht auch bei durchschnittlichen Personen antrifft . Sie haben bloss mehr einschränkende Eigenschaften als ‹ neurotypische › Leute , was je nach den konkreten Lebensumständen zu Problemen führen kann .

Zum Beispiel: Ein wichtiges Element zur Analyse der Situation ist die nonverbale Kommunikation. Ab dem Jugendalter werden nonverbale Kommunkationselemente wie Gestik, Mimik, Prosodie sowie Zeit und Kontext, in welchem man etwas sagt, immer wichtier und liefern bis zu 80% der Bedeutung einer Mitteilung. Schon ein Wörtchen wie «ja» kann man so verschieden äussern, dass es 20 oder sogar 30 verschiedene Bedeutungen haben kann. Personen mit einer Autis-Spektrum-Persönlichkeit verstehen zwar durchaus die gesprochenen Worte, oft aber nicht, was damit eigentlich gemeint ist. Und genau aus diesem Grund haben sie häufig Mühle, sich in andere Personen hineinzuversetzen und sie zu verstehen.

Darum hat dann die verbale Kommunikation einen hohen Stellenwert , richtig ?
Richtig. In der Kommunikation mit Asperger – Betroffenen sollte man seine verbale Kommunikation anpassen und sich möglichst genau auszudrücken. Auch die Betroffenen müssen lernen sich zu vergewissern, ob sie alles richtig verstanden haben.

Was muss zum Beispiel ein Betrieb beachten , der einen Mitarbeitenden mit Asperger ausbildet oder beschäftigt?
An sich ist jeder Mensch anders. Allgemein scheint es mir aber wichtig, engen Kontakt zu den Bezugspersonen zu pflegen, welche den betreffenden
Mitarbeitenden kennen und sagen können, auf was man bei ihr/ihm achten muss. Ausserdem sollten beide Seiten häufig nachfragen, sich gut kennenlernen, einander anpassen und immer wieder miteinander über die Wahrnehmung beider Seiten sprechen. Das gilt in der Schule wie auch am Arbeitsplatz. Dazu können auch Gespräche mit dem Coach, dem Arzt oder mit anderen Bezugspersonen des
Betroffenen hilfreich sein.

« Nehmen Sie jede Person so wie sie ist. Sprechen Sie miteinander und lassen Sie Freiräume.»

Bei gut funktionierenden Partnerschaften in Schule oder Arbeit sehe ich dann immer wieder, dass sich das Verhalten der Asperger-Betroffenen um 180 Grad wenden kann. Aus einem schlechten Schüler kann plötzlich ein sehr guter Lernender oder ein begeisterter, zuverlässiger Mitarbeiter werden. Denn sobald die Betroffenen das machen können, worin sie gut sind, werden sie richtig aufblühen.

Gibt es da besondere Methoden, mit deren Hilfe man Mitarbeitende, die von Asperger betroffen sind, unterstützen und fördern kann?
Neben der guten Kommunikation braucht es auch viel Offenheit und eine positive Grundhaltung. Personen mit einer Asperger-Persönlichkeit haben auch viele, positive Merkmale. Sie sind meist zuverlässig, integer und sehr ehrlich. Das führt dann aber oft auch zu sehr direkten Aussagen, die auch mal im ersten Moment falsch verstanden werden können, weshalb der Ausbildner ein «dickes Fell» benötigt und nicht jede Bemerkung persönlich nehmen darf.

Häufig verbindet man mit dem Begriff Asperger oder mit Autismus besondere Begabungen. Ist da etwas dran?
Jeder hat in der Kindheit seine speziellen Interessen. Wenn jemand aber mehrere Stunden am Tag das Gleiche macht, kann er es mit der Zeit auch gut. Man kann generell nicht sagen, dass jede Person mit Autismus-Spektrum ein Genie ist. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Bei solchen speziellen Personen ist die Diskrepanz viel grösser: Es gibt Dinge, die sie so gut wie gar nicht können und andere worin sie hervorragende Leistungen erbringen.

Was möchten Sie allen mitgeben, die mit von Asperger Betroffenen zu tun haben – sei das im beruflichen oder privaten Bereich?
Man sollte sie so nehmen wie sie sind. Meiner Meinung nach ist es ganz wichtig – auf beiden Seiten – Aussagen oder Handlungen des Gegenübers nicht automatisch negativ zu interpretieren, sondern im Zweifel lieber von einem Missverständnis auszugehen. Daher ist es entscheidend, laufend gut miteinander zu kommunizieren , sich gegenseitig anzupassen und dazuzulernen. Das braucht natürlich zumindest am
Anfang mehr Zeit und Betroffene benötigen auch ab und zu eine kurze ‹Auszeit›, um sich zu erholen. Die Erfahrung zeigt aber immer wieder, dass sich das lohnt und beiden Seiten sehr viel bringen kann.

 
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Dr. med. Rainer Kobelt, Facharzt FMH für Kinder- u. Jugendmedizin